Sonntagabend, der 13. Dezember. Christbaumversteigerung der Goldacher Feuerwehr. Am zweiten Sonntag im Dezember, wie jedes Jahr.
Es ist teilweise lustig, ich kann weiter ein bißchen netzwerken.
Ich ersteigere wieder zwei Schweinshaxen und ernte bei der ersten schon belustigt-begierige Blicke des Tisches hinter mir - wie sich herausstellt sitzt dort mein Grundstücksnachbar. Zwei Minuten später sitze ich nicht mehr allein, sondern an der Stirnseite des vollbesetzten Tisches und wir schneiden die Haxe gemeinsam an, er ißt die Kruste, ich ein bißchen Fleisch.
Weiterhin finden wieder zwei Alkoholika und eine Packung Kekse zu mir. Der Sechszehnjährige, der mir die Sachen bringt, hat selbst schon einiges an Alkoholerfahrung gesammelt und meint zu dem ersteigerten Bourbon "aha, den magst Du also" (nein, eigentlich nicht, aber ich will ja wissen, ob und was man damit in der Küche machen kann). Zwei Taschen sind auch noch dabei, die ich demnächst zur Flüchtlingshilfe bringen werde.
Der Nachbar wird dann auch redselig und bietet mir seine Hilfe bei Alltagsdingen an und Fahrdienst in Notsituationen.
Später, nach dem offiziellen Teil, lasse ich mich dann mal wieder breitschlagen, Bier zu trinken. "Komm, Du nimmst eine Halbe", sagt einer der Feuerwehrmänner, der auch Landwirt im Ort ist. "Ich hätte gern einen Russen (Bier und Zitronenlimo 1:1 gemischt)", sage ich. "Nein, gib ihr eine Halbe", sagt der Bekannte zum irritierten Barmann.
Die nächsten 20 (?) Minuten laufe ich dann also mit dem riesigen Bierglas im Raum herum, sitze mal hier, mal da, kläre meine Teilnahme an der geplanten Einweihung des neuen Fahrzeuges ab (zur Überraschung des 2. Vorsitzenden hatte ich keine Einladung bekommen), helfe ein bißchen beim Aufräumen.
Eigentlich alles easy.
Und dann kommen nachts die Schmerzen. Beim Atmen brennt es und ich habe das Gefühl, gegen einen Widerstand zu atmen. Gegen ein Uhr liege ich wach und denke "was soll das jetzt, es ist doch eigentlich alles ok". Mir fällt wieder ein vergangener Abend bei derselben Feuerwehr ein, ich war im Dunkeln durch die Fahrzeughalle spaziert und prompt über einen Stopper gefallen, diese Hindernisse, die man in der Parkposition vor bzw. hinter die Fahrzeugreifen legt.
Am Morgen sind die Schmerzen noch da und ich gehe zum Arzt, schildere das Problem - und kassiere eine Einweisung in die Klinik. "Ich mach jetzt mal was", sagt der Arzt, "ich erschrecke mal die Kollegen ein wenig und schreibe 'Lungenembolie' auf die Überweisung, damit Ihre Lunge geröntgt wird. Aber Sie müssen jemanden finden, der Sie umgehend fahren kann. Und Sachen für 1-2 Tage mitnehmen."
Zum Glück sagt die Ersatzmama: "Wir nehmen uns die Zeit, um Dich zu fahren." Und so packe ich dann eine Tasche mit 3x Unterwäsche, Schlafanzug, Waschzeug, Hauskleidung, Handtüchern, Hausschuhen, Kuschelkissen, eine Tüte mit Clementinen und Zeitungen, die ich lesen will und verstaue in der Handtasche weitere Lektüre. Wie ein Packesel komme ich in der Klinik an.
Der Ersatzpapa begleitet mich zur Aufnahme und auf die Station, wo ich relativ schnell aufgerufen werde. Ich trage mein Hab und Gut in einen Behandlungsraum und dann geht es Schlag auf Schlag: Blutdruck messen, Blut abnehmen, EKG, noch etwas mehr Blut abnehmen am Ohrläppchen (zur Bestimmung der Blutgase, wird mir erklärt), Untersuchung durch die Assistenzärztin, deren Sprache sie als Russin oder Polin verrät. Schneller als gedacht ist es Mittag und ein weiterer Patient kommt in denselben Behandlungsraum, ein Paravent als Sichtschutz wird aufgestellt. Routiniert und sehr konzentriert arbeiten Pfleger und Ärztin uns ab. Schließlich werde ich tatsächlich noch zum Röntgen geschickt, dann wieder: Warten auf die Ergebnisse (und den letzten Laborwert). Final stellt die junge Ärztin beide Fälle ihrem Oberarzt vor, der mich als Person kaum beachtet - es gibt keine Fragen seinerseits an mich, anders als bei dem anderen Patienten.
Und dann bin ich auch schon wieder entlassen, kann mich wieder abholen lassen, und wieder läßt der Ersatzpapa fast alles stehen und liegen und fährt mich wieder heim.
Die Taschen hat er dann aber nicht mehr mit hochgetragen und so bleibt trotzdem ein schales Gefühl: ich hab Leute, die mir spontan unter die Arme greifen, aber zu mir in die Wohnung kommen wollen sie nicht, sie kennen die Misere ja auch schon.
Also ärgere ich mich schon über mich selbst und mein Unvermögen, mir eine präsentable Existenz aufzubauen und vorzuhalten.
Andererseits hatte ich gestern und heute Nacht (ja, ich war wieder wach, ein Alarm in der Wohnung unter mir war Schuld) eben auch Gelegenheit, nachzudenken. Ich glaube, seßhaft werden ist mir mit meiner Geschichte gar nicht so wichtig, ich habe lieber viel zu tun. Aber vielleicht war es in den letzten Wochen doch zuviel mit den Terminen ...
Nun habe ich heute morgen erstmal nichts gemacht, nur drei Sendungen aus der BR-Mediathek geschaut und Auticon über die Krankschreibung informiert. Ich muß also heute noch hin und die Krankmeldung abgeben. Oder sagen wir: ich will das machen. Bis jetzt habe ich es noch nicht unter die Dusche geschafft, geschweige denn aus dem Haus.
Aber die Schmerzen haben etwas nachgelassen.
Dienstag, 15. Dezember 2015
Sonntag, 13. Dezember 2015
Der Anstrengende
Ausgehend von diesem Artikel beim Feuerwehrmagazin wollte ich eigentlich im November einen Leserbrief bzw. Gastartikel zu dem Thema schreiben. Zur Veröffentlichung in der Printausgabe.
Und dann kommt es ausgerechnet beim THW und in Dornach zu einer Begegnung, die mich an dem Sinn einer solchen Aktion zweifeln läßt.
Wir haben beim THW in der Ausbildungsgruppe einen jungen Mann Mitte 20, der ein mir - der ganzen Gruppe, vielleicht auch dem Ausbilder nicht - bekanntes Problem hat. Er spricht mit sehr schwerer Zunge, langsam, manchmal unverständlich. Bei einem der Ausbildungssamstage, die einmal im Monat anstehen, lag zufällig während einer Pause ein Medikamentenschächtelchen auf dem Tisch. Eins dieser Exemplare, wo man Rationen für morgens, mittags, abends, nachts hineinsortieren kann, um sie am entsprechenden Tag zur Verfügung zu haben.
Ja, ich weiß, das heißt gar nichts. Und äußerlich wirkt er wie ein normaler junger Mann, bis er eben zu sprechen anfängt ... :(
Aber ... :(
Jeden Samstag wieder - und es sind jetzt bestimmt 4 Samstage, also 4 Monate gewesen, seitdem er dabei ist - gibt es mindestens einen Moment, wo die ganze Ausbildungsgruppe an einem bestimmten Ort auf dem Gelände ist und er kommt fünf bis zehn Minuten später.
"Ach, da ist der Herr B. ja", sagt unser Ausbilder dann.
Neulich war "Heben von Lasten" das Thema. Das THW hat dazu verschiedene mechanisch-hydraulische Hilfsmittel, um etwa Steinblöcke anzuheben - man muß aber immer mit Holzteilen abstützen, bevor man den Stein weiter anheben kann, und deshalb liegen auch jede Menge Holzbalken und -stücke in verschiedenen Größen bereit.
Und dann gab es den Moment, wo mehr oder weniger die ganze Gruppe mit dem anzuhebenden Steinblock beschäftigt ist, einige gucken vielleicht auch nur zu - und Herr B. räumt mit strahlendem Gesicht, aber ohne Anweisung, lange Holzbalken unter den Block.
Es hat nicht direkt gestört, aber gefordert war es eben auch nicht ...
Nun hatten wir gestern beim THW unsere Weihnachtsfeier: mittags gab es Braten mit Rotkraut und Klößen, nachmittags Stollen und Kinderpunsch sowie die unvermeidlichen Ehrungen. Danach muß er noch zu den Johannitern nach Dornach gefahren sein, denn als ich - die ich gestern mal früh ins Bett gegangen bin - gegen eins in der Nacht wieder aufwache und in Facebook reingucke, finde ich dort einen recht wütenden Eintrag von ihm in der Johanniter-Gruppe. Auf Nachfrage einer anderen Person stellt sich heraus, daß es wohl eine Diskussion gab, ob jemand (ein Flüchtling vermutlich) vom Rettungsdienst abgeholt werden sollte.
Eine Diskussion, die ich, wie im letzten Eintrag erwähnt, ja auch schon mal hatte, aber vielleicht nicht in demselben Umfang wie er.
Es gab einen Übungssamstag im Oktober, da haben wir mit den Digitalfunkgeräten "spielen" dürfen. Da hatte ich ihn als Teampartner erwischt und war noch guter Dinge, hätte ihn gern öfter als Partner gehabt, auch weil wir uns ja auch von Dornach her kannten.
Aber jetzt weiß ich nicht weiter.
Der Ausbilder hat gestern die Prüfungen im Frühjahr erwähnt und meinen Namen auch genannt. Ich bin ganz froh drum, denn die langen Montage fangen an, mir auf den Keks zu gehen. Am letzten Montag war ich erst um zwanzig vor eins daheim.
Und dann kommt es ausgerechnet beim THW und in Dornach zu einer Begegnung, die mich an dem Sinn einer solchen Aktion zweifeln läßt.
Wir haben beim THW in der Ausbildungsgruppe einen jungen Mann Mitte 20, der ein mir - der ganzen Gruppe, vielleicht auch dem Ausbilder nicht - bekanntes Problem hat. Er spricht mit sehr schwerer Zunge, langsam, manchmal unverständlich. Bei einem der Ausbildungssamstage, die einmal im Monat anstehen, lag zufällig während einer Pause ein Medikamentenschächtelchen auf dem Tisch. Eins dieser Exemplare, wo man Rationen für morgens, mittags, abends, nachts hineinsortieren kann, um sie am entsprechenden Tag zur Verfügung zu haben.
Ja, ich weiß, das heißt gar nichts. Und äußerlich wirkt er wie ein normaler junger Mann, bis er eben zu sprechen anfängt ... :(
Aber ... :(
Jeden Samstag wieder - und es sind jetzt bestimmt 4 Samstage, also 4 Monate gewesen, seitdem er dabei ist - gibt es mindestens einen Moment, wo die ganze Ausbildungsgruppe an einem bestimmten Ort auf dem Gelände ist und er kommt fünf bis zehn Minuten später.
"Ach, da ist der Herr B. ja", sagt unser Ausbilder dann.
Neulich war "Heben von Lasten" das Thema. Das THW hat dazu verschiedene mechanisch-hydraulische Hilfsmittel, um etwa Steinblöcke anzuheben - man muß aber immer mit Holzteilen abstützen, bevor man den Stein weiter anheben kann, und deshalb liegen auch jede Menge Holzbalken und -stücke in verschiedenen Größen bereit.
Und dann gab es den Moment, wo mehr oder weniger die ganze Gruppe mit dem anzuhebenden Steinblock beschäftigt ist, einige gucken vielleicht auch nur zu - und Herr B. räumt mit strahlendem Gesicht, aber ohne Anweisung, lange Holzbalken unter den Block.
Es hat nicht direkt gestört, aber gefordert war es eben auch nicht ...
Nun hatten wir gestern beim THW unsere Weihnachtsfeier: mittags gab es Braten mit Rotkraut und Klößen, nachmittags Stollen und Kinderpunsch sowie die unvermeidlichen Ehrungen. Danach muß er noch zu den Johannitern nach Dornach gefahren sein, denn als ich - die ich gestern mal früh ins Bett gegangen bin - gegen eins in der Nacht wieder aufwache und in Facebook reingucke, finde ich dort einen recht wütenden Eintrag von ihm in der Johanniter-Gruppe. Auf Nachfrage einer anderen Person stellt sich heraus, daß es wohl eine Diskussion gab, ob jemand (ein Flüchtling vermutlich) vom Rettungsdienst abgeholt werden sollte.
Eine Diskussion, die ich, wie im letzten Eintrag erwähnt, ja auch schon mal hatte, aber vielleicht nicht in demselben Umfang wie er.
Es gab einen Übungssamstag im Oktober, da haben wir mit den Digitalfunkgeräten "spielen" dürfen. Da hatte ich ihn als Teampartner erwischt und war noch guter Dinge, hätte ihn gern öfter als Partner gehabt, auch weil wir uns ja auch von Dornach her kannten.
Aber jetzt weiß ich nicht weiter.
Der Ausbilder hat gestern die Prüfungen im Frühjahr erwähnt und meinen Namen auch genannt. Ich bin ganz froh drum, denn die langen Montage fangen an, mir auf den Keks zu gehen. Am letzten Montag war ich erst um zwanzig vor eins daheim.
Sonntag, 22. November 2015
Der letzte Abend im Flüchtlingsheim ...
Wie jetzt kürzlich in der entsprechenden Gruppe bei Facebook zu lesen war, geht es für die eine Flüchtlingsnotunterkunft, in der seit Ende September immer mal wieder als medizinisches Personal weitergeholfen habe, ab Ende des Monats nicht mehr weiter. Der Mietvertrag ist nicht verlängert worden.
Offen gestanden, ist das ziemlicher Mist, denn es handelte sich um ein leerstehendes Bürogebäude mit vielen Zimmern, die Anbindung an Nahverkehr und Autobahn war prima, die Helfer alle motiviert ...
Nun hatte ich gestern am Nachmittag/Abend noch eine Schicht zu übernehmen. Es gäbe eine Lücke, hieß es ... Tatsächlich wäre ich ab 15 Uhr allein gewesen, mehr als eine Person ist nicht mehr eingeplant. Bei etwa 400 Bewohnern. Soviel zu dem im Oktober geäußerten Anspruch, professioneller zu werden.
Die Ärztin blieb aber doch noch bis etwa 18 Uhr, machte sich echt Sorgen, rief die Abteilungskoordinatorin an, welche dann auch 2 Stunden später auch mal gucken kam, ob wirklich die Hütte brenne. Da hatte sich aber die Lage schon entspannt.
Etwas früher als geplant tauchte dann meine Ablöse auf und unterstützte mich, diskutierte allerdings auch erstmal mit mir darüber, ob für ein Kind mit 39 Grad Fieber der Krankentransport gerufen werden müßte. Die Abteilungskoordinatorin gab dann auch noch ihre Meinung ab und meinte, selbst Kinder mit 40 Grad Fieber (und wir hatten derer zwei gehabt) müßten nicht ins Krankenhaus. Wadenwickel und gut ist. (Kennt man in den südlichen Ländern Wadenwickel?)
Überhaupt die Fieberkinder. Der Abtransport war irgendwie auch kurios. Vor ihnen kam ein anderer Notfall, der Rettungswagen war noch von der Ärztin gerufen worden und es war einer der Münchner Berufsfeuerwehr.
Gefühlt kurze Zeit später steht derselbe Wagen also wegen dem ersten Fieberkind wieder da und der "Chef" des Zweierteams macht mich erstmal ein bißchen rund, ein Krankentransport hätte es auch getan ...
Wir hatten gleichzeitig zwei Wägen für die zwei Kinder angefordert und riefen eine Stunde später noch einmal bei der Leitstelle an, diesmal mit der ausdrücklichen Bitte um einen Krankentransport.
Und wer steht 15 Minuten später wieder im Raum? Richtig, die zwei Feuerwehrmänner ...
Für das dritte Kind war eigentlich auch ein Wagen angefordert worden, kam aber nicht und nach 2 Stunden Warten haben wir dem Kind noch einmal Medizin gegeben und es zum Schlafen aufs Zimmer geschickt.
Später kommt noch ein junger Mann in den Zwanzigern zu uns, er hätte im Iran einen Stromunfall gehabt und sei seit 5 Tagen hier, vor zwei Tagen war ihm der Verband am Fuß das letzte Mal gewechselt worden.
Die Kollegin und ich machen einen neuen Verband, bekommen dabei den Fuß und die Arme zu sehen, die doch etwas schlimm aussehen, weil großflächig verletzt, und ich wundere mich später, daß ich mich nicht mehr erschreckt habe.
Glücksmomente während der Arbeit: Ballspielen mit einem Jungen und seiner Mutter (?). Und ein sehr fröhlicher kleiner schwarzer Junge, der mich, als seine Mutter uns seine Entzündungen am Hals zeigt, fast die ganze Zeit anlacht.
Die Flüchtlinge sind entspannter, als ich sie bisher erlebt habe, was wohl auch daran liegt, daß es keine schnellen Wechsel mehr gibt.
Als es Zeit ist zu gehen, verabschiede ich mich - und dann packt mich auf dem Rückweg die Wehmut.
Und als am Morgen danach die Ärztin eine SMS von mir mit der Frage beantwortet, ob ich heute käme, würde ich sofort wieder hinfahren.
So, wie ich mich kenne, bin ich sicher nicht das letzte Mal dort gewesen, obwohl, wie gesagt, nächsten Montag Schluß sein wird ...
Offen gestanden, ist das ziemlicher Mist, denn es handelte sich um ein leerstehendes Bürogebäude mit vielen Zimmern, die Anbindung an Nahverkehr und Autobahn war prima, die Helfer alle motiviert ...
Nun hatte ich gestern am Nachmittag/Abend noch eine Schicht zu übernehmen. Es gäbe eine Lücke, hieß es ... Tatsächlich wäre ich ab 15 Uhr allein gewesen, mehr als eine Person ist nicht mehr eingeplant. Bei etwa 400 Bewohnern. Soviel zu dem im Oktober geäußerten Anspruch, professioneller zu werden.
Die Ärztin blieb aber doch noch bis etwa 18 Uhr, machte sich echt Sorgen, rief die Abteilungskoordinatorin an, welche dann auch 2 Stunden später auch mal gucken kam, ob wirklich die Hütte brenne. Da hatte sich aber die Lage schon entspannt.
Etwas früher als geplant tauchte dann meine Ablöse auf und unterstützte mich, diskutierte allerdings auch erstmal mit mir darüber, ob für ein Kind mit 39 Grad Fieber der Krankentransport gerufen werden müßte. Die Abteilungskoordinatorin gab dann auch noch ihre Meinung ab und meinte, selbst Kinder mit 40 Grad Fieber (und wir hatten derer zwei gehabt) müßten nicht ins Krankenhaus. Wadenwickel und gut ist. (Kennt man in den südlichen Ländern Wadenwickel?)
Überhaupt die Fieberkinder. Der Abtransport war irgendwie auch kurios. Vor ihnen kam ein anderer Notfall, der Rettungswagen war noch von der Ärztin gerufen worden und es war einer der Münchner Berufsfeuerwehr.
Gefühlt kurze Zeit später steht derselbe Wagen also wegen dem ersten Fieberkind wieder da und der "Chef" des Zweierteams macht mich erstmal ein bißchen rund, ein Krankentransport hätte es auch getan ...
Wir hatten gleichzeitig zwei Wägen für die zwei Kinder angefordert und riefen eine Stunde später noch einmal bei der Leitstelle an, diesmal mit der ausdrücklichen Bitte um einen Krankentransport.
Und wer steht 15 Minuten später wieder im Raum? Richtig, die zwei Feuerwehrmänner ...
Für das dritte Kind war eigentlich auch ein Wagen angefordert worden, kam aber nicht und nach 2 Stunden Warten haben wir dem Kind noch einmal Medizin gegeben und es zum Schlafen aufs Zimmer geschickt.
Später kommt noch ein junger Mann in den Zwanzigern zu uns, er hätte im Iran einen Stromunfall gehabt und sei seit 5 Tagen hier, vor zwei Tagen war ihm der Verband am Fuß das letzte Mal gewechselt worden.
Die Kollegin und ich machen einen neuen Verband, bekommen dabei den Fuß und die Arme zu sehen, die doch etwas schlimm aussehen, weil großflächig verletzt, und ich wundere mich später, daß ich mich nicht mehr erschreckt habe.
Glücksmomente während der Arbeit: Ballspielen mit einem Jungen und seiner Mutter (?). Und ein sehr fröhlicher kleiner schwarzer Junge, der mich, als seine Mutter uns seine Entzündungen am Hals zeigt, fast die ganze Zeit anlacht.
Die Flüchtlinge sind entspannter, als ich sie bisher erlebt habe, was wohl auch daran liegt, daß es keine schnellen Wechsel mehr gibt.
Als es Zeit ist zu gehen, verabschiede ich mich - und dann packt mich auf dem Rückweg die Wehmut.
Und als am Morgen danach die Ärztin eine SMS von mir mit der Frage beantwortet, ob ich heute käme, würde ich sofort wieder hinfahren.
So, wie ich mich kenne, bin ich sicher nicht das letzte Mal dort gewesen, obwohl, wie gesagt, nächsten Montag Schluß sein wird ...
Vom Umgang mit schwierigen Menschen, Teil 2
Das Teenie-Mädel wohnt jetzt seit zwei bei einem Kumpel von mir, nachdem mir Vermieter und mein eigener Vater die Hölle heiß gemacht haben. Leute durchfüttern, wenn man selbst kein Geld hat, ginge gar nicht ...
Der Kumpel hat Gott sei Dank eine Eigentumswohnung, etwas mehr Verständnis für ihre Liebe zum FC Bayern und allgemein eine viel relaxtere Einstellung als ich, ohne dabei den Sinn für das Wesentliche zu verlieren.
Seit diesem Dienstag verflucht mich das Mädel, weil ich (ohne direkt auf sie zu verweisen) anderen mitgeteilt habe, daß sie schwarzgefahren ist und die Mahnungsschreiben der Deutschen Bahn einfach mit anderem Müll zusammen weggeworfen hat, sodaß ich mal wieder nachsortieren mußte.
18 Jahre und so wenig Verantwortungsbewußtsein und Selbständigkeit. Die Papiertonne steht direkt neben dem Hauseingang.
Was sie noch viel mehr aufregt: daß ich ihrer Freundin aus der alten Heimat ausgeredet habe, beim nächsten Pokalspielbesuch bei ihr zu übernachten. Denn sie zahlt auch bei meinem Kumpel keine Miete und auch wenn es mich eigentlich nichts mehr angeht: Besuch in fremde Wohnungen einladen, wenn man dort keine Pflichten übernimmt, geht nicht!
Die Freundin hat sich nun wohl einen anderen Schlafplatz gesucht.
Nun bin ich also auch die, die das Teenie-Mädel vor den eigenen Freundinnen schlecht macht. Was das Teenie-Mädel nicht weiß: zur selben Zeit, als mein Vermieter mir anfing, auf den Leim zu gehen, schrieb ihre Freundin mir auch und es waren einige gar nicht so nette Sachen dabei ...
Der Kumpel hat Gott sei Dank eine Eigentumswohnung, etwas mehr Verständnis für ihre Liebe zum FC Bayern und allgemein eine viel relaxtere Einstellung als ich, ohne dabei den Sinn für das Wesentliche zu verlieren.
Seit diesem Dienstag verflucht mich das Mädel, weil ich (ohne direkt auf sie zu verweisen) anderen mitgeteilt habe, daß sie schwarzgefahren ist und die Mahnungsschreiben der Deutschen Bahn einfach mit anderem Müll zusammen weggeworfen hat, sodaß ich mal wieder nachsortieren mußte.
18 Jahre und so wenig Verantwortungsbewußtsein und Selbständigkeit. Die Papiertonne steht direkt neben dem Hauseingang.
Was sie noch viel mehr aufregt: daß ich ihrer Freundin aus der alten Heimat ausgeredet habe, beim nächsten Pokalspielbesuch bei ihr zu übernachten. Denn sie zahlt auch bei meinem Kumpel keine Miete und auch wenn es mich eigentlich nichts mehr angeht: Besuch in fremde Wohnungen einladen, wenn man dort keine Pflichten übernimmt, geht nicht!
Die Freundin hat sich nun wohl einen anderen Schlafplatz gesucht.
Nun bin ich also auch die, die das Teenie-Mädel vor den eigenen Freundinnen schlecht macht. Was das Teenie-Mädel nicht weiß: zur selben Zeit, als mein Vermieter mir anfing, auf den Leim zu gehen, schrieb ihre Freundin mir auch und es waren einige gar nicht so nette Sachen dabei ...
Mittwoch, 4. November 2015
Vom Umgang mit schwierigen Menschen lernen
Seit 8 oder 9 Wochen wohnt bei mir ein Teenie-Mädel.
Gerade erst im Juli 18 geworden, knapp nach dem Schulabschluß der 10. Klasse.
Der Liebe zu einer gewissen Fußballmannschaft wegen in die bayrische Landeshauptstadt gezogen, dann vom Bekannten wegen dessen eigenen Problemen in eine WG zu mir vermittelt worden.
Jetzt auf Ausbildungsplatzsuche.
Eigentlich.
Es gab da diese Zahnarztpraxis, die nach Vorstellungsgespräch und etwas Probearbeiten sogar bei einer zuständigen Stelle anrief, ob im November noch in das laufende Ausbildungsjahr eingestiegen werden kann.
Sie sollte noch zweimal Probearbeiten gehen und kam am ersten Tag schon nach 3-4 Stunden wieder. Es sei noch eine Schülerpraktikantin da, da sei eine weitere Praktine zuviel ...
Am Ende der Woche erfahre ich beiläufig von der Mutter (die mich übrigens duzt, ohne daß ich je das OK dafür gegeben hätte), es hat mit der Zahnarztpraxis nicht geklappt. Ich hatte noch dem Mädel gesagt, daß es nicht gut ist, wenn man fragt, wann man gehen kann und auf die Auskunft "da ist nur noch eine OP" sich entlassen fühlt (wie sie es getan hat).
Aber eigentlich weiß ich nicht, was wirklich passiert ist.
Nachdem mir die Sachbearbeiterinnen mehrfach in den Ohren lagen, ich solle den aufmüpfigen Teenie doch rausschmeißen und zur Mutter zurückschicken, ist mein Bezug für die Miete jetzt auf den für Einzelpersonen in meinem Ort ansässigen Satz heruntergekürzt worden. Bisher war von der viel zu hohen Miete 90% übernommen worden. Jetzt sind es 2/3. Da bleibt kein Geld für andere Ausgaben mehr.
Sie weiß, daß ich sie jetzt nicht mehr durchfüttern kann und daß sie sich dringend einen Job suchen muß. Noch habe ich allerdings nicht gewagt, ihr ein Ultimatum zu stellen.
Gerade erst im Juli 18 geworden, knapp nach dem Schulabschluß der 10. Klasse.
Der Liebe zu einer gewissen Fußballmannschaft wegen in die bayrische Landeshauptstadt gezogen, dann vom Bekannten wegen dessen eigenen Problemen in eine WG zu mir vermittelt worden.
Jetzt auf Ausbildungsplatzsuche.
Eigentlich.
Es gab da diese Zahnarztpraxis, die nach Vorstellungsgespräch und etwas Probearbeiten sogar bei einer zuständigen Stelle anrief, ob im November noch in das laufende Ausbildungsjahr eingestiegen werden kann.
Sie sollte noch zweimal Probearbeiten gehen und kam am ersten Tag schon nach 3-4 Stunden wieder. Es sei noch eine Schülerpraktikantin da, da sei eine weitere Praktine zuviel ...
Am Ende der Woche erfahre ich beiläufig von der Mutter (die mich übrigens duzt, ohne daß ich je das OK dafür gegeben hätte), es hat mit der Zahnarztpraxis nicht geklappt. Ich hatte noch dem Mädel gesagt, daß es nicht gut ist, wenn man fragt, wann man gehen kann und auf die Auskunft "da ist nur noch eine OP" sich entlassen fühlt (wie sie es getan hat).
Aber eigentlich weiß ich nicht, was wirklich passiert ist.
Nachdem mir die Sachbearbeiterinnen mehrfach in den Ohren lagen, ich solle den aufmüpfigen Teenie doch rausschmeißen und zur Mutter zurückschicken, ist mein Bezug für die Miete jetzt auf den für Einzelpersonen in meinem Ort ansässigen Satz heruntergekürzt worden. Bisher war von der viel zu hohen Miete 90% übernommen worden. Jetzt sind es 2/3. Da bleibt kein Geld für andere Ausgaben mehr.
Sie weiß, daß ich sie jetzt nicht mehr durchfüttern kann und daß sie sich dringend einen Job suchen muß. Noch habe ich allerdings nicht gewagt, ihr ein Ultimatum zu stellen.
Dienstag, 8. September 2015
Neues Zuhause
Eins muß ich noch berichten: ich habe mich nach mehr oder weniger reiflicher Überlegung im Juli wieder beim THW gemeldet und diesbezüglich Nägel mit Köpfen gemacht. Bin jetzt wieder als Helferanwärterin (so heißen dort die "Azubis") registriert und habe sogar am ersten Ausbildungssamstag gleich eine alte Kombination aus Hose und Jacke sowie Helm und Stulpenhandschuhe bekommen. Hose und Jacke ziemlich zu groß, aber tragbar. Einen Spind habe ich nun auch und werde dort wohl auch noch ein paar weitere Sachen bunkern.
Nun ist kaum der September da, schon sind wieder Ausbildungstage. Gestern ging der Theorieblock neu los (wir laufen alle so lange durch, bis wir genug Praxis für die Prüfung haben) und wir kamen auch auf das Thema "Rechte und Pflichten der Helfer" und da erfuhr ich dann, daß bei der (für mich noch anstehenden) Tauglichkeitsuntersuchung auch eine Komplettimmunisierung gemacht wird (inklusive Hepatitis A und B). Um diese zwei letzten Impfungen drücke ich mich ja noch, weil die Krankenkasse sie nur für Auslandsaufenthalte bezahlt. Nun bekomme ich sie offenbar "einfach so".
Das ist dann noch mal ein Motivationsschub, doch den Rettungssanitäter weiter zu machen.
Die Tauglichkeitsuntersuchung umfaßt auch Tests auf Atemschutzgerätetauglichkeit in drei Stufen. Sehr sehr spannend.
Hab ich eigentlich schon erwähnt, daß wir am ersten Abend mit Hydraulik-Schere und -Spreizer geübt haben? (Nur an einem Gitter, aber trotzdem ...)
Feuerwehren werden (als Lernort) wirklich überbewertert. ;)
Nun ist kaum der September da, schon sind wieder Ausbildungstage. Gestern ging der Theorieblock neu los (wir laufen alle so lange durch, bis wir genug Praxis für die Prüfung haben) und wir kamen auch auf das Thema "Rechte und Pflichten der Helfer" und da erfuhr ich dann, daß bei der (für mich noch anstehenden) Tauglichkeitsuntersuchung auch eine Komplettimmunisierung gemacht wird (inklusive Hepatitis A und B). Um diese zwei letzten Impfungen drücke ich mich ja noch, weil die Krankenkasse sie nur für Auslandsaufenthalte bezahlt. Nun bekomme ich sie offenbar "einfach so".
Das ist dann noch mal ein Motivationsschub, doch den Rettungssanitäter weiter zu machen.
Die Tauglichkeitsuntersuchung umfaßt auch Tests auf Atemschutzgerätetauglichkeit in drei Stufen. Sehr sehr spannend.
Hab ich eigentlich schon erwähnt, daß wir am ersten Abend mit Hydraulik-Schere und -Spreizer geübt haben? (Nur an einem Gitter, aber trotzdem ...)
Feuerwehren werden (als Lernort) wirklich überbewertert. ;)
Freitag, 21. August 2015
Leben im Nichts
Ja, mich gibt's auch noch.
Ich renne weiterhin durch Höhen und Tiefen.
Die Aufgabe aus Wasserliesch kam, ich sah sie mir an und bekam erstmal einen Rappel. Ich hatte nur Open Office auf dem Rechner installiert und es ist nicht ganz dasselbe, ob man mit Excel arbeitet oder mit dem Tabellenprogramm von Open Office. Speziell dann nicht, wenn es um große Datenmengen geht.
Eine Teilaufgabe habe ich gemacht, vor der zweiten kapituliert. Die Aufgabenbeschreibung schien mir nicht zu den Daten zu passen.
Und dann die Bewerbung zurückgezogen, weil ich mir auch gar nicht mehr sicher war, ob ich 6-7 Stunden einfach pendeln will jede Woche und schlecht organisierte Daten verwalten will.
Das Gespräch war von einer Personalfirma vermittelt worden, die ich aber nicht über diese unglückliche Entwicklung informiert habe. Die Dame, die ja grundsätzlich nett war, erfuhr also erst von der Firma in Wasserliesch davon. Peinlich!
Es gab noch ein paar weitere Gespräche. Inzwischen habe ich sicher um die 30 Bewerbungen geschrieben. Klingt nicht viel, aber irgendwie schon, oder?
In vielen Fällen kam (noch?) keine Reaktion.
Mitte Juli: wieder eine Einladung. Eine Softwarefirma, die für ein großes Autohaus arbeitet. Es geht um den Bereich Telematik: Daten intelligenter Autos. Alles ist etwas schwammig, aber nach dem Gespräch kommt innerhalb von einer Viertelstunde eine Zusage. Wann ich denn anfangen könnte? Mitte August oder Anfang September, schreibe ich zurück. Dann ist wieder drei Tage nichts zu hören. Ich rufe an, werde zurückgerufen. Ob ich auch am 3. August anfangen könnte? Das kommt mir alles etwas zu plötzlich, aber ich sage: wenn es so sein soll, dann soll es so sein!
Die Seniorinnen freuen sich mit, andere Freunde ebenfalls.
Am ersten Augustwochenende Kurzbesuch von meinen Eltern. Essen gehen mit beiden am Sonntagabend, nur meine Mutter kommt mit zu mir (und bleibt bis zum 4. August vormittags). Sie richtet mir dann auch etwas Essen für den Tag, räumt etwas in der Wohnung auf, ohne darum gebeten worden zu sein.
Der 3. August beginnt holprig. Ich bin zu früh losgegangen und trödele an einer Umsteigehaltestelle noch etwas herum. Um neun Uhr soll ich da sein, halb neun hätte ich wohl auch geschafft. Aber ich bin überhaupt nicht vorbereitet. Als ich am Donnerstag zuvor gefragt habe, ob ich irgendwelche Software auf dem Rechner benötige, kommt keine klare Antwort. Ich hatte darauf hingewiesen, daß etwa MS Office nicht installiert ist. Nun bin ich also mit dem Macbook in der Tasche auf dem Weg. Später stellt sich heraus, daß ich besser den Windows-Laptop mitgenommen hätte. Überhaupt bin ich erstmal drei Tage damit beschäftigt, mir Software zu installieren und Zugänge zu beschaffen.
Aber das ist noch nicht mal das Schlimmste. Am ersten Tag sind im Raum drei Plätze frei. Ich steuere den in der Ecke an, mache mich dort einigermaßen häuslich. Dann kommt nach der Mittagszeit noch ein Neuer - im Gegensatz zu mir mit einer Festanstellung, weshalb er am Einführungsseminar teilgenommen hat. Und weil es heißt, daß sich ein Dritter, jemand aus dem anderen Raum, zu ihm setzen soll, gebe ich den Platz wieder frei, setze mich zentraler. (Der Raum hat acht Arbeitsplätze an 2x 4 Tischen.)
Man sollte meinen, daß ich jetzt mehr in das Geschehen integriert wäre, aber dem ist nicht so. Ich habe irgendwann Zugriff auf die eingehenden Anfragen, kann aber nichts mit ihnen anfangen. Und im Gegensatz zu dem Kollegen habe ich keinen, der mich 1:1 betreut. Ich hab sogar überhaupt keinen, der mich betreut. Und traue mich auch kaum, Fragen zu stellen. Wenn ich es doch tue, kommen knappe Antworten. Und ständig sind die Leute woanders.
Ich kann nicht in dieser Situation bleiben, schlafe ein, immer wieder.
Am zweiten Tag das erste Gespräch deshalb.
Am 4. Tag schlägt die Chefin neue Aufgaben für mich vor. Ich soll Schnittstelle zwischen unserer und einer anderen Abteilung werden. Die Fragen der anderen Abteilung entgegennehmen und verteilen. Wieder erklärt mir niemand wenigstens die Grundlagen. Und wieder schlafe ich tagsüber ein, in Meetings und auch außerhalb.
Alle arbeiten, nur ich nicht. Ja, so war das. Zwischendrin bekomme ich kurz Hilfe bei der Einrichtung von etwas, dann wird genau diese wieder unterbrochen, der Mitarbeiter wendet sich einer anderen seiner 4 Baustellen zu.
Am vierten Tag kommt auch endlich mein Vertrag. Neun oder zehn Softwareprodukte sind darin aufgelistet, die, so erklärt mir die Chefin dann immerhin doch, ich bis Ende des Jahres betreuen können soll. Ich denke in dem Moment, daß es ja nun endlich eine Struktur gibt, an der ich mich orientieren kann. Können sollte.
Aber einfach ein Softwareprodukt nach dem anderen abarbeiten ist nicht. Ich kann mich in der Atmosphäre nicht konzentrieren, gehe schon am zweiten Montag gefrustet und zu spät hin. Schlafe mehr, als ich zum Lesen oder anderem komme.
Am Dienstagnachmittag sagt die Chefin, so geht's nicht. Nicht mit meiner Einschlaferei und nicht in der angespannten Situation, in der ihre Abteilung ist. Man hätte jemanden gewollt, der gleich Arbeit abnimmt, zu möglichst 100% mitarbeitet. Im Frühjahr hätte man mich noch gut einarbeiten können. Es klingt wie eine schlechte Entschuldigung.
Ich gebe also den Schlüssel wieder ab, packe meine Hardware ein und verabschiede mich hastig. Einige der Jungs sind schon wieder unterwegs, also wird es eine kurze Verabschiedung mit nur einem Kollegen, der die Entwicklung nicht ganz versteht. Als ich zu einem anderen Kollegen gehe, der meinen Abschied nur kurz abnickt, ahne ich, woher der Wind weht. Wer hätte gedacht, daß sich hinter einem netten Gesicht soviel Intrige verbergen kann?
Die Chefin hatte unbedingt weiblichen Zuwachs in der Abteilung haben wollen ... außer ihr und ihrer Assistenz sind alles Jungs!
Ein paar Tage später treffe ich eine der Seniorinnen im Supermarkt. Ich druckse erst herum, rücke dann aber mit der Geschichte raus. Sie fällt aus allen Wolken. Ich dann auch noch mal, aber erst zuhause.
Just für diese Woche (10.-14. August) ist auch eine Erprobungswoche bei der Firma Auticon angesetzt. Ich schreibe sofort am Dienstag eine Mail, darf noch dazukommen.
Wir sind zu viert (drei Aspies, ein HFA) und lösen verschiedene Aufgaben. Am Mittwochnachmittag geht es zum Schloß Nymphenburg. Wir sollen Fotos machen von Motiven, die uns anziehen, und diese am nächsten Tag vorstellen.
Ich gehe mit der anderen Frau mit, wir quatschen viel, entdecken gemeinsame Bekannte. Die Szene der bloggenden Autisten ist klein.
Ich bin nicht dazugekommen, so viele Aufgaben zu lösen, wie ich gern hätte, ein- oder zweimal werde ich "vergessen".
Bei der Vorstellung der Fotos schlafe ich nach der Hälfte der Zeit wieder ein, bin aber schon wieder bei Bewußtsein, als der Jobcoach die anderen fragt, ob man mich sanft wecken sollte. Und reiße dann selbst meine Fotovorstellung sehr knapp herunter.
Am Ende erfahren wir: es ging darum, zu testen, wie wir mit Alltagssituationen umgehen, uns ein paar Tips an die Hand zu geben, Kompensationsmöglichkeiten zu diskutieren. "Niemand erhält eine Absage, aber wir können erst einen Vertrag ausstellen, wenn ein Projekt für Sie existiert. Wenn sich bis etwa Januar nichts ergibt, nehmen wir Sie wieder aus der Kartei." Der HFA fällt aus allen Wolken, versucht, Gliederung in den Plan für die nächsten Monate zu bekommen, wobei der Jobcoach natürlich kaum raten kann.
Wir sollen außerdem selbst eine Zertifizierung zum Softwaretester (nach ISTQB) anstreben. Eine Prüfung wird bezahlt, ein Kurs nicht.
An dem Punkt fällt jetzt die andere Frau aus allen Wolken, wegen der Kosten ...
Fazit: Auticon ist nicht halb so sozial, wie man denken möchte oder hofft. Andere Firmen meldeten sich auch nach einem Jahr noch.
Insofern irritieren die "Kuscheltage" eher.
Tja, und was Kompensation angeht ... Die andere Frau meint, meine Probleme seien wohl eher depressionsbedingt.
Ich erwäge jetzt, mich erstmal krankschreiben zu lassen.
Und die letzte Woche?
Ging hier herum mit viel Zeit im Bett, Mittwoch und Donnerstag habe ich die Wohnung überhaupt nicht verlassen. Habe immer wieder die bei Youtube verfügbaren Mitschnitte des Films zum Cats-Musical geschaut. Die Lieder nachgesungen. Die Tänze bewundert. Über manche Gesichtsausdrücke gegrinst. Überlegt, ob ich nicht auch wieder Steptanz machen soll und Jazztanz dazu.
Das ist eh das einzige, was momentan läuft: der Freizeitbereich. Ich habe mich bei einer Bereitschaft des BRK angemeldet und beim THW ebenfalls. Habe bei letzeren schon wieder einen Übungsabend mitgemacht (es wurde mit Rettungsgeräten "gespielt"). Habe beim Heufest etwas geholfen und beim Indianer- und Trapperfestival (als Betreuung beim Kanufahren, was mir einen freien Eintritt und freie Verpflegung beschert hat). Bin endlich richtig bei Foodsharing registriert.
Ich würde vermutlich sofort in die nächste Tanzschule rennen, wenn ich nicht noch eine Geldforderung vom Finanzamt erwarten müßte. Die Inaktivität bringt mich ehrlich gesagt um.
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